Der Freistaat Bayern will seine rund 2000 Kommunen mit Open-Source-Software digital modernisieren. Mit dem Digitalplan Bayern, der Plattform BayKommun und der AKDB als zentralem IT-Dienstleister hat die Staatsregierung eine Struktur aufgebaut, die den Weg in Richtung digitale Souveränität ebnen soll. Doch die Realität zeigt: Der Anspruch ist politisch formuliert, die Umsetzung hinkt hinterher. München dient dabei als Referenzfall – die Stadt scheiterte einmal spektakulär mit LiMux, startet jetzt aber einen zweiten Anlauf.
Digitalplan Bayern: Open Source als Staatsziel
Der bayerische Digitalplan definiert Open Source als strategisches Ziel für die öffentliche Verwaltung. Die Idee: Kommunen sollen unabhängiger von proprietären Softwareanbietern werden, Lizenzkosten senken und Daten souverän verwalten. BayKommun fungiert als zentrale Plattform für den Austausch von Softwarekomponenten und Best Practices zwischen den Kommunen. Das Konzept ähnelt dem Ansatz der hessischen ekom21, die ebenfalls als IT-Dienstleister für Kommunen Open-Source-Komponenten bereitstellt.
Die AKDB, eine Anstalt des öffentlichen Rechts mit rund 1500 Mitarbeitern, betreut mehr als 2000 Kommunen in Bayern und darüber hinaus. Sie entwickelt Fachanwendungen für kommunale Aufgaben – von der Meldebehörde über Standesämter bis zur Finanzverwaltung. Doch trotz des politischen Bekenntnisses zu Open Source basieren viele dieser Anwendungen weiterhin auf proprietären Systemen. Die AKDB setzt zwar einzelne Open-Source-Komponenten ein, eine durchgängige Open-Source-Strategie fehlt bislang.
München: Von LiMux-Scheitern zum neuen Anlauf
München gilt als Lehrstück für Open-Source-Projekte in der Verwaltung. Zwischen 2006 und 2013 stellte die Stadt im Projekt LiMux rund 15.000 Arbeitsplätze auf Linux um – ein europäischer Vorreiter. Doch 2017 beschloss der Stadtrat die Rückkehr zu Microsoft Windows. Gründe waren vor allem mangelnde Interoperabilität mit Fachanwendungen, fehlende Standardisierung und interne organisatorische Widerstände. Die Kosten für die Rückabwicklung wurden auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.
Jetzt plant München einen zweiten Versuch. Im Rahmen der OZG 2.0-Umsetzung setzt die Stadt auf Open-Source-Komponenten für das digitale Bürgerportal und Fachanwendungen. Der Unterschied zu LiMux: Diesmal geht es nicht um einen kompletten Desktop-Wechsel, sondern um Webapplikationen und serverbasierte Dienste. Der Fokus liegt auf standardisierten Schnittstellen und Cloud-nativen Architekturen. Die Lessons Learned aus dem ersten Versuch fließen ein: Pragmatismus statt Ideologie, schrittweise Migration statt Big Bang.
BayKommun: Plattform ohne kritische Masse
BayKommun soll als zentrale Austauschplattform für Open-Source-Komponenten dienen. Kommunen können dort Softwarebausteine einstellen, andere können diese nachnutzen. Das Prinzip ähnelt der souveränen Cloud-Strategie anderer Bundesländer: Gemeinschaftliche Entwicklung reduziert Redundanzen, senkt Kosten und erhöht die Sicherheit.
Doch bislang fehlt die kritische Masse. Viele Kommunen beteiligen sich nicht aktiv, weil eigene Ressourcen für Entwicklung und Pflege von Open-Source-Software fehlen. Kleinere Gemeinden setzen auf fertige Lösungen der AKDB oder anderer Dienstleister – egal ob Open Source oder proprietär. Die AKDB selbst veröffentlicht nur vereinzelt Komponenten als Open Source. Eine transparente Roadmap, welche Fachanwendungen bis wann als Open-Source-Software verfügbar sein werden, gibt es nicht.
AKDB zwischen Kundenanforderungen und politischem Auftrag
Die AKDB steht in einem Spannungsfeld: Als kommunaler IT-Dienstleister muss sie praxistaugliche, stabile Lösungen liefern. Viele Kommunen fordern vor allem Zuverlässigkeit, Support und Integration in bestehende Systeme – nicht zwingend Open Source. Gleichzeitig erwartet die Politik, dass die AKDB die Open-Source-Strategie aktiv umsetzt.
Ein Beispiel ist das Thema E-Akte: Die AKDB bietet ein proprietäres DMS-System an, das in vielen bayerischen Kommunen im Einsatz ist. Open-Source-Alternativen existieren – etwa aus anderen Bundesländern oder von spezialisierten Anbietern wie Materna oder msg systems. Doch die Migration ist aufwendig, und solange das proprietäre System funktioniert, fehlt der Anreiz zum Wechsel. Die deutschen Verwaltungen stehen generell vor diesem Dilemma: Modernisierungsdruck trifft auf knappe Budgets und Fachkräftemangel.
Föderale Fragmentierung als Hemmnis
Bayern ist kein Einzelfall. Bundesweit entwickeln Länder und Kommunen eigene Lösungen, oft parallel und ohne Abstimmung. Die FITKO versucht zwar, übergreifende Standards und gemeinsame Entwicklungen zu koordinieren, doch die föderale Struktur erschwert die Bündelung. Jedes Bundesland hat eigene IT-Dienstleister – neben der AKDB in Bayern etwa Dataport im Norden oder ekom21 in Hessen.
Diese Fragmentierung verhindert Skaleneffekte. Open-Source-Projekte leben von einer breiten Entwicklerbasis und aktiver Community. Wenn jedes Land eigene Insellösungen pflegt, fehlt die kritische Masse für nachhaltige Open-Source-Ökosysteme. Initiativen wie der Portalverbund oder die Verwaltungscloud setzen hier an, stoßen aber auf organisatorische und politische Widerstände.
Praxistest: Wo Open Source in Bayern funktioniert
Trotz der Hemmnisse gibt es Erfolgsbeispiele. Einzelne Kommunen setzen Open-Source-Lösungen etwa für Websysteme, Collaboration-Tools oder Geodatendienste ein. Die Stadt Nürnberg nutzt Open-Source-Komponenten für ihr digitales Stadtportal, Augsburg setzt bei der Verkehrsplanung auf offene Datenstandards und Open-Source-GIS-Software.
Auch die AKDB nutzt Open-Source-Technologien im Backend: Datenbanken, Webserver und Middleware basieren teilweise auf Linux und Open-Source-Stacks. Doch diese Komponenten sind für den Endnutzer unsichtbar. Sichtbar und entscheidend sind die Fachanwendungen – und hier dominiert weiterhin proprietäre Software.
Ausblick: Evolution statt Revolution
Der bayerische Weg zeigt: Open Source in der Verwaltung ist kein Selbstläufer. Politische Absichtserklärungen allein reichen nicht. Es braucht konkrete Ressourcen, Fachkräfte, klare Roadmaps und vor allem: pragmatische Ansätze statt ideologischer Debatten. München hat aus LiMux gelernt und setzt jetzt auf schrittweise Migration und Interoperabilität. Die AKDB könnte diese Erfahrungen nutzen und gezielt einzelne Fachanwendungen als Open Source entwickeln oder bestehende Lösungen öffnen.
BayKommun hat das Potenzial, zur echten Austauschplattform zu werden – wenn die AKDB und andere Dienstleister aktiv Komponenten beisteuern und die Kommunen Anreize für Beteiligung erhalten. Die föderale Fragmentierung bleibt eine Herausforderung, doch länderübergreifende Projekte wie die souveräne Cloud für Behörden zeigen, dass Kooperation möglich ist.
Bayerns Open-Source-Kurs ist ein langer Weg. Die politische Richtung stimmt, die Umsetzung braucht Geduld, Ressourcen und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. München ist dabei nicht nur Mahnung, sondern auch Hoffnungsträger: Ein gescheiterter erster Versuch ist kein Grund aufzugeben, sondern Anlass, es beim zweiten Mal besser zu machen.
